ADEGA BELÉM


[September 2021] Wer bisher "Frösche" noch nicht unmittelbar mit Wein assoziiert, sollte es zukünftig unbedingt in Betracht ziehen. ;-) Wer bei Belém an Klöster und Kulturdenkmäler, Museen und Monumente, Präsidentenpalast und Pasteis denkt, der kann zukünftig auch "Weingut" mit dem berühmten Stadtteil im Lissabonner Westen verknüpfen. Und ja, richtig gelesen, nicht "Weinbar" oder "Weinhandlung", nein, bei der Adega Belém wird mitten im urbanen Herzen Wein gekeltert. Von A bis Z: Vom Pressen der (zugekauften) Trauben bis zur Flaschenabfüllung. Portugals erste "Urban Winery" wird von Catarina Moreira & David Picard geleitet. Das Projekt existiert seit vier Jahren, vor zwei Jahren sind die beiden Jungwinzer mit Ihrer Adega in eine ehemalige KFZ-Werkstatt gezogen, die in einer kleinen Seitenstraße liegt (gut zu erreichen, wenn man die Fußgängerbrücke vom MAAT nimmt, am Ende über die Straße und dann rechts um die Ecke biegen).

David ist eigentlich Anthropologe und Catarina Biologin. Sie forschte über, dreimal raten, Frösche, daher das lustige Logotipo der Adega. Die sympathische Weinmacherin nahm mich mit auf eine " Cellar-Tour, durch kilometerlange Gewölbe" :-)))). Spaß beiseite: Zur Seitenstraße hin öffnet sich  ein großer Raum, der als Weinbar und Verkaufsraum dient - hier bekommt man die Weine offen oder flaschenweise und dazu schmackhafte Petiscos. Offen einsehbar grenzt daran der Kellerbereich an, in dem sich alles auf kleinsten Raum drängt. Die große Weinpresse, Edelstahltanks, Tonamphoren und Eichefässer (in der ehemaligen Lackierkabine (!)), ein kleines Labor und Regale als Flaschenlager. 

Was für ein Akt, die schwere Presse und die voluminösen Tanks in den kleinen Raum hinein zu bugsieren und aufzurichten. Ein kleiner Akt ist es aber auch bereits, angesichts der engen Seitenstraße, die Trauben zur Adega anliefern zu lassen. Die Trauben stammen aus der Nachbarschaft (Tapada da Ajuda), vom Weingarten des Instituto Superior de Agronomia (Universität Lissabon), aus Palmela (Serra da Arrábida) und von Rebanlagen in der Nähe von Estoril. Die Gesamtproduktion im Jahr 2020 lag bei rund 5000 Flaschen, im Jahr 2021 inkl. dem Pet Nat bei ca. 7000 Flaschen.

Darf natürlich nicht fehlen, nach Sekt im ersten Jahrgang folgte in 2021 ein Pet Nat. So ein "Pétillant Naturel" macht natürlich was er will und muss in die Flasche zum weitergären, wenn der Gärvorgang soweit ist. Das just zu dem Zeitpunkt ein Poetry-Slam in der Adega terminiert war und die Kronkorken am Ende nicht reichten (die Fehlmenge musste rasch über eine Lissabonner Brauerei organisiert werden), das alles brachte die Winzer ganz schön ins Schwitzen, berichtete Catarina lachend.

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum. Oder, probieren geht über studieren und so bereitet Catarina für mich eine Probe durch fast das gesamte Portfolio der Adega Belém-Weine vor ...


Adega Belém Encruzado 2020 - Im Edelstahltank spontavergoren, biologischer Säureabbau in Fässern aus gebrauchter französischer Eiche, dabei angenehm frisch bei leichten 11,5 % Vol. 14 EUR.

Adega Belém Alvarinho Curtimenta 2020 - Ein Branco mit Schalenkontakt über die gesamte Dauer der Fermentation (3 Wochen). Mit Batonage. Dezent in der Nase, dafür komplex am Gaumen. Sehr fruchtig. 11 % Vol. 14 EUR.

Adega Belém Unicórno Graúdo Curtimenta em Barrica 2020 vs. Adega Belém Unicórno Graúdo Curtimenta em Ânfora 2020  Die Muskatellerrebsorte zweimal "at its best", im Holz etwas runder mit einer frischen Säure, in der Tonamphore mit deutlich mehr Bumms in der Nase und vielschichtiger. Hat man auch nicht jeden Tag, diese Vergleichsmöglichkeit. Klasse! Beide Weine haben reichlich Umdrehungen: 14,5 % Vol. der aus dem Holz und 15,5 % Vol. der Ânfora. Je 22,50 EUR.

Adega Belém Lili Tinto 2019 - Ein schöner Einsteiger-Tinto, rotfruchtig, ungeschliffen, 12 Monate in Eiche ausgebaut. 13,5 % Vol. Klasse Preis-/Leistungsverhältnis: 7,50 EUR.


Adega Belém | Moscatel Galego Branco Curtimenta 2020Das kleine Weingut im Herzen Beléms mit einem Weißwein, der in meinen Augen hervorragend als Einsteigerdroge in die Welt der maischevergorenen Weißweine prädestiniert ist. 

Das typische Muskateller-Aroma der Douro-Rebsorte (in dem Fall angebaut in Ajuda, in den Weingärten der Uni Lisboa) knallt einem in die Nase. Am Gaumen viel Frucht, Stachelbeere, Limone, tropische Früchte, trocken und ausbalanciert. Exzellent, ein vollkommen unkomplizierter Terrassenwein mit gehobenem Anspruch. Lecker! Kleine Auflage, leichte 12,5 % Vol. 14 EUR in P.


Adega Belém | Unicórnio Graúdo Ânfora 2020Was für eine Kombi! Die hervorstechende Fruchtigkeit der Muskatellerrebsorte in der Nase. Am Gaumen Quitte, Aprikose, Pfirsich,  dazu nussige Noten. Überraschend geradlinig nach hinten raus, "knarzig", kurz noch einmal Zitrus und dann Tannine und dann - nach einer halben Ewigkeit - weg. 

Sortenreiner Moscatel Graúdo, von den Hängen der Serra da Arrábida (Setubal), handgelesen, spontanvergoren mit natürlichen Hefen. Mit Schalenkontakt ausgebaut in einer Ton-Amphore, also ein "Orange em  Ânforas". Der Weiße hat eine wunderschöne fruchtige Frische und wirkt niemals "überladen", "überfrachtet"  (was man durchaus erwarten könnte). Im Gegenteil: Die junge, klare "Trinkigkeit" animiert unkompliziert zum zweiten Schluck. Ein "Curtimenta" der runtergekühlt bereits liefert, kein tschi-tschi. Hier jedoch  kommt der Pferdefuß: Läuft wie leichte 12 % hat aber 15,5 (!) % Vol. Nun, eine zweite Flasche am Nachmittag erübrigt sich sowieso angesichts der kleinen Auflage von gerade einmal 257 Flaschen und 28 EUR/Flasche.


Über mich ...

 

Weinliebhaber mit engem Bezug zu Portugal. Beruflich habe ich keine Berührungspunkte mit dem Wein-Business.  Insofern schreibe ich unabhängig über  portugiesische Weine als reine Liebhaberei. Anregungen, Fragen? Gerne: frank@vinhoportugal.de

 

 

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