Herdade do Freixo | Freixo (Redondo)

(Portugiesische) Weinkellereien und (große) Architektur - dies war ja immer schon mein "Generalthema". Um so aufgeregter war ich, als ich in Vorbereitung auf meinen Alentejo-Trip im März 2017 auf ein Paradebeispiel des vorgenannten Genres gestoßen bin.

 

300 ha, mit vielen eindrucksvollen alten Olivenbäumen, von denen zur Zeit 27 ha mit Weinreben bestockt sind, das sind die schnöden Zahlen eines Traditionsbetriebs, der erst jüngst in die Zukunft investiert und eins der architektonisch anspruchsvollsten wie auch vielversprechendsten Weinbauprojekte geschaffen hat: Herdade de Freixo

Einzigartig in dieser Form in Portugal: Das Weingut ist unterirdisch angelegt - und geht bis zu 40 m in die Tiefe. Wir hatte uns auf spektakuläre Eindrücke eingestimmt. Trockener Kommentar meines Begleiters beim Anblick des wie bei einem Hünengrab eingegrabenen Zugangs und der markanten, aus der Oberfläche herausragenden Lichtdome: Bist du sicher, dass wir ein Weingut besuchen? Das hat mehr was von einer Mondstation!

 

Am Eingang wurden wir von Lisa, der strahlend-sympathischen Assessora Dir. – Téc. Enoturismo der Herdade de Freixo, in Empfang genommen, die uns nach einer informativen Einleitung die Spindelrampe (Caracol genannt) hinunter begleitete ...

Die Architektur weckt Assoziationen an das Kreuzfahrt- Terminal in Matosinhos. Die "Schnecke" führt 3 Stockwerke tief in den Untergrund und wurde vom Architekten Frederico Valssassina nach der "organischen" Form eines Schneckenhauses konzipiert.

In einem Artikel in Fugas Público wird das ebenfalls zutreffende Bild einer "Adega Guggenheim" benutzt. Das hat schon was, wir waren schwer beeindruckt und es ging ebenso weiter ...


Aber erst noch einige Sätze zum Weinbau, denn die Architektur ist ja nur Mittel zum Zweck. Auch wenn die Funktionalität richtig pfiffig in die spektakuläre Form eingebunden ist. Die Spindel erschließt Adega mit Gär- und Lagertanks, Pressen etc., ein Tasting Room, Labor, Flaschenabfüllung, einem "Speisesaal" (wo Essen für max. 12 Personen serviert wird), Barriquekeller und Shop. Der ganze Produktionskette wird "unter der Oberfläche" abgebildet.

Drei Zugänge mit separaten Wegen dienen der äußeren Erschließung der Anlage. Das Lesegut wird von oben über eine Öffnung eingebracht, und landet der Schwerkraft folgend in der vor der sommerlichen Alentejo-Hitze bestens geschützten Adega.

 

Auf dem Granit-Schiefer-Terroir stehen die roten Rebsorten Alicante Bouschet, Syrah, Touriga Nacional, CabernetSauvignon und Petit Verdot. Bei den Weißen sind es Sauvignon Blanc, Alvarinho, Arinto, Chardonay und - jawoll - Riesling, aus denen der Hausherr und Önologe Pedro Vasconcelos e Sousa zusammen mit seinem Bruder elegante, frische und mineralische Weißwein vinifiziert.

 

Das ganze Projekt folgt dem Gedanken des "minimalem Eingriffs in die Landschaft", auf dem Areal herrscht Jagdverbot und man setzt sich für die Erhaltung der Schwarzstörche ein, die in dem Gebiet brüten.

 

Neben dem großen architektonischen Konzept gibt eine fein abgestimmte Innenarchitektur den Räumen eine elegante Note: Erdfarbener Feinputz, portugiesische Eiche ungeschliffen als Bodenbelag und als Weinregal. In diesem Raum lagern Weinflaschen, die zukünftig als "Vertikale" verköstigt werden sollen ...

Von einem eingeschobenen Mezzanin aus blickt man auf ein weiteres Highlight des Weinguts: einem tunnelförmigen Faßlager ...

Es gibt kein eigenes Restaurant, aber das Mezzanin bietet Platz für 12 Gäste, die nach Terminreservierung ein regionaler Gastronom mit lokalen Köstlichkeiten verwöhnt.


Das Projekt hat sich ja der Nachhaltigkeit verschrieben. Ich denke auch unter kaufmännischen Gesichtspunkten ist das nicht als kurzfristiges Invest zu verstehen. Die Möglichkeit zu wachsen ist jedenfalls vorhanden. In den Lagertanks wäre für 250.000 l Platz. Angesichts des bisherigen Outputs von unter 50.000 Flaschen ist da noch Luft nach oben. 

 

Nun aber weiter auf der Tour durch die Adega: Im Anschluss an den Barriquekeller (3. UG) stand das Tasting auf dem Programm (1. UG). Wir haben den angebotenen Aufzug dankend abgelehnt - schließlich sind wir nicht fußkrank  und ich wollte den Gang über die "Schnecke" nutzen, noch ein paar Eindrücke aus anderer Perspektive festzuhalten ...

Auf den Weg zum Shop/Tasting-Room durchquerten wir den loungeartigen Patio mit (der einzigen) direkten, offenen Verbindung via Lightdome zur Außenwelt. Schlicht-elegant gestylt - eine gelungen Idee, Mauerziegel als Bodenbelag einzusetzen.


Vor und während der Verköstigung standen Wasser, Brot, Hartkäse aus dem Alentejo, Chouriça und Presunto parat um die Geschmackssinne zu "resetten".

Alvarinho im heißen Alentejo? Nein, die Traube hat  keine Sehnsucht nach dem hohen Norden, denn durch die Lage am Hang der Serra d´Ossa versteht die Alvarinho es, auch im Alentejo eine leicht Frische und elegante Spritzigkeit dem Reserva Branco 2015 hinzuzufügen. Der Weiße besteht aus 40% Sauvignon Blanc, 35% Alvarinho und 25% Arinto. Aromen von Ananas und Pfirsich, die Arinto steuert Mineralität bei. Ein mehr als gelungener Einstiegsjahrgang in die Weißweinerzeugung - so gut, dass die 6600 Flaschen bereits komplett ausverkauft sind.

 

Nur für´s Tasting sind noch ein paar Flaschen übrig und so macht die Verköstigung Lust und Vorfreude auf das, was zukünftig im Weißwein-Segment kommen wird (sowohl bei den Cuvées als auch bei den geplanten Monocastas (Sauvignon Blanc, Chardonnay). Wirklich schade, wir hätten vom 2015er (der Verkaufspreis lag bei 10,50 EUR/Flasche) gerne ein paar Flaschen mit nach Hause genommen.

Beim Reserva Tinto 2014 hat der Enólgo Pedro de Vasconcelos e Souza mit 40% Touriga Nacional, 40 % Cabernet Sauvignon und 20 % Alicante Bouschet jedenfalls ein gutes Händchen bewiesen. 12 Monate in neuer französischer Eiche und danach 6 Monate in der Flasche gereift, zeichnet sich der ausgewogene Rote durch eine intensive rot-violette Farbe, Beerenaromen und eine schöne Struktur aus. Großes Kino für 16 EUR/Flasche. Ich freue mich bereits auf das erste BBC hier im Garten. Ich stelle mir den Rotwein als einen ausgezeichneten Begleiter zu Gegrilltem vor und freue mich bereits darauf, die Kombi auszutesten

Den letzten der drei Weine, die es zur Zeit im Sortiment gibt, haben wir nicht verköstigt. Ich habe mir jedoch eine Flasche von der Freixo Family Collection Tinto mitgenommen und freue mich auch hier bereits darauf, den großen Roten bei einer besonderen Gelegenheit zu öffnen. Die Erwartungshaltung ist groß, wurde der Flaggschiffwein (34 EUR/Flasche) mit dem dezent-eleganten Etikett von der Weinfachzeitschrift Revista de Vinhos doch unter die besten portugiesischen Weine 2017 gewählt.


Zum Abschied noch einmal vielen Dank für die charmante und geduldige Führung an Lisa und einen Blick zurück auf die "Mondstation" ...


Das Projekt gewinnt in der Kategorie "Industrial Architecture" den von Archdaily ausgelobten Preis "Building Of The Year 2018".

 Glückwunsch an das Büro "Frederico Valsassina Arquitectos".


Freixo Family Collection Tinto 2014. 14 Monate in Eiche und 8 Monate in der Flasche. 14,5 % Vol. 6600 Flaschen abgefüllt. Ein wirklich feiner Blend aus Touriga Nacional, Cabernet Sauvignon, Alicante Bouschet und Petit Verdot. Erwartungshaltung voll erfüllt!


  • ZITAT: "Beim Reserva Tinto 2014 hat der Enólgo Pedro de Vasconcelos e Souza mit 40% Touriga Nacional, 40 % Cabernet Sauvignon und 20 % Alicante Bouschet jedenfalls ein gutes Händchen bewiesen. 12 Monate in neuer französischer Eiche und danach 6 Monate in der Flasche gereift, zeichnet sich der ausgewogene Rote durch eine intensive rot-violette Farbe, Beerenaromen und eine schöne Struktur aus."

Struktur und Balance - knapp zwei Jahrs später zeigt der Reserva weitere Facetten: mega-fein geschliffene Tannine, Vanille, langes Finish ...


Über mich ...

 

Weinliebhaber mit engem Bezug zu Portugal. Beruflich habe ich keine Berührungspunkte mit dem Wein-Business.  Insofern schreibe ich unabhängig über  portugiesische Weine als reine Liebhaberei. Anregungen, Fragen? Gerne: frank@vinhoportugal.de

 

 

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